„Fest darf auf keinen Fall ausfallen“ - Claudia Boje erzählt über ihre Zeit beim Stadtfest

Claudia Boje und Wolfgang Braunsdorf organisieren das Gießener Stadtfest: Bild: Repro aus der Sonderbeilage des Gießener Anzeigers/21. August 1992
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Anlässlich des 40. Stadtfestes blickt das Stadtmarketing zurück und ist im Gespräch mit ganz unterschiedlichen Menschen, die auf verschiedene Weise das Stadtfest geprägt haben oder besondere Erlebnisse damit verbinden. Claudia Boje, seit vielen Jahren Pressesprecherin der Stadt Gießen, war als studentische Mitarbeiterin hautnah dabei, als die Stadt in 1992 kurzerhand die Organisation des Stadtfestes vom Arbeitskreis Handel übernahm, um die Veranstaltung zu retten.

 

Gießen feiert vom 14. bis 16. August zum 40. Mal sein Stadtfest. Dass diese Veranstaltung in 2026 ihr rundes Jubiläum feiern würde, hätte man im Mai 1992 sicher nicht für möglich gehalten. Da titelten die heimischen Zeitungen: „Gießener Stadtfest fällt dieses Jahr aus.“ Als das Szenario drohte, war Claudia Boje mitten in ihrem Fachjournalistik-Studium. Ihr Volontariat bei einer Gießener Tageszeitung hatte die junge Frau da bereits erfolgreich absolviert. Nebenbei arbeitete die damals 25-Jährige in Teilzeit im Amt für Magistrats- und Presseangelegenheiten. Im Mai 1992 machte im Rathaus die Nachricht die Runde, dass das Stadtfest ausfallen wird. Der Arbeitskreis Handel werde die Veranstaltung wegen der „unsicheren Rechtslage“ nicht mehr organisieren. Probleme hatten sich schon in den Jahren davor angebahnt.

 

Klage von Anwohnerin

Zum Hintergrund: Seit 1985 organisierte der Arbeitskreis Handel (AKH) das Gießener Stadtfest. Während dieser Zeit kam es immer wieder zu Beschwerden von Anwohnern, über die Dauer und die Lautstärke der Innenstadt-Veranstaltung, die damals über fünf Tage lief. Der Konflikt gipfelte in einem Rechtsstreit, den eine Anwohnerin der Innenstadt anstrengte und die in 1991 schließlich eine einstweilige Verfügung wegen der zu erwartenden Lärmbelästigung erwirkte. Der Rechtsanwalt des AKH erreichte allerdings, dass die Eröffnung doch stattfinden konnte. Der Widerspruch der Anwohnerin richtete sich nämlich gegen die Genehmigung des Festes durch die Stadt, was als Rechtsfolge die sogenannte aufschiebende Wirkung in sich trug. Bei der Stadt hatte man allerdings den „sofortigen Vollzug“ angeordnet. Das Fest startete mit dem Fassbieranstich. Daraufhin beschwerte sich die Anwohnerin beim Verwaltungsgericht kurzerhand erneut und bekam wieder Recht. Dennoch lief das Fest weiter. Warum? Der Anwalt des AKH hatte für das Stadtfest eine sogenannte „Sondernutzung“ bei der Stadt erwirkt und damit den Begriff „Volksfest“, auf das sich die Klage bezog, nichtig gemacht. Allerdings durfte Bier nur bis 22 Uhr ausgeschenkt und auch keine Musik mehr ab 22 Uhr gespielt werden. Heute scheint das undenkbar. Im Jahr 1992 wollte der AKH das mittlerweile achte Stadtfest dann nicht mehr organisieren und verkündete dies Ende Mai. Das Regierungspräsidium Gießen hatte als Aufsichtsbehörde in einem Vergleich zwischen Widerspruchsführerin und Magistrat vermittelt, und im Einvernehmen beider Parteien eine sechsstellige Sicherheitsleistung für den AKH festgelegt, die fällig werde, falls die Auflagen nicht erfüllt würden. Was bedeutete: Wird an irgendeinem Stand nach 22 Uhr ein Bier gezapft, ist die Kaution futsch.

 

Ausnahmezustand im Rathaus

Nach diesem Paukenschlag aus dem AKH herrschte Ausnahmezustand im Rathaus. Boje erinnert sich, wie der damalige Oberbürgermeister Manfred Mutz (SPD) die Losung ausgab: „Wir müssen das Stadtfest retten. Das Fest darf auf keinen Fall ausfallen“. Allen sei klar gewesen, so Boje, dass es äußerst schwierig wäre, eine Veranstaltung nach einer Zwangspause wieder neu beleben zu müssen. In einer schnellen Entscheidung sollte die Stadthallen GmbH unter Leitung von Wolfgang Braunsdorf, das Fest unter städtischer Regie organisieren. Auch Claudia Boje wurde als studentische Mitarbeiterin in die Stadtfest-Organisation eingebunden und Braunsdorf zur Seite gestellt. Ebenso Herbert Martin, damaliger Mitarbeiter im Amt für Presse- und Magistratsangelegenheiten und späterer langjähriger Organisator des Festes, hatte hier seine erste Berührung mit der Stadtfestplanung. Ein Zeitungsfoto aus dem Gießener Anzeiger vom August 1992, zeigt Boje neben Wolfgang Braunsdorf auf einem mit Stadtfest-Plakaten bedeckten Boden. „Die Plakate hatte mein damaliger Freund, der Grafik-Designer war, kreiert“, lacht Boje. Zum Lachen war dem städtischen Team allerdings damals eher nicht. In nur zweieinhalb Monaten mussten sie das Fest in trockene Tücher bringen mit allem Drum und Dran.  „Wir konnten glücklicherweise auf eine gute Agentur setzen, die uns das Bühnenprogramm organisiert hat“, erzählt Boje. Auch der AKH unterstützte. Dennoch stand das Fest auch 1992, das an nur drei Tagen vom 21. bis 23. August stattfinden sollte, wieder auf Messers Schneide. Denn einige Anwohner, diesmal im sogenannten „Arbeitskreis Stadtmitte“ organisiert, klagten erneut.

 

Rechtslage bis kurz vor Start unklar

Einen Tag vor Beginn des Stadtfestes sei immer noch unklar gewesen, ob man die Veranstaltung wie beabsichtigt, in der Innenstadt hätte eröffnen können. Die Stadt hatte deshalb sogar einen Alternativstandort an der Ostanlage im Auge gehabt, an den das Stadtfest kurzerhand hätte verlegt werden sollen. Es ging gar das Gerücht um, dass Oberbürgermeister Mutz zu diesem Zwecke einen Blaumann in seiner Limousine im Kofferraum platziert habe, um im Notfall selbst mitanzupacken in „Nachtschichten und mit allen Leuten, die da sind.“

Der Widerspruch des Arbeitskreises Stadtmitte wurde zwar vom Verwaltungsgericht abgelehnt, aber die Stadtfestgegner zogen dann binnen fünf Minuten nach der Gießener Entscheidung sofort vor den Verwaltungsgerichtshof in Kassel. „Wir haben rund ein bis zwei Stunden vor dem Stadtfest-Start noch auf die Entscheidung aus Kassel gewartet“, weiß Boje.  Alle hätten damals um das Fax-Gerät herum gestanden, die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Der Erhalt des Stadtfestes sei allen wichtig gewesen. „Wir waren alle kurz vor dem Nervenzusammenbruch.“ Erst nach 16 Uhr kam das erlösende Fax aus Kassel. Das Fest darf starten, mit harten Auflagen bezüglich des Lärms, der von städtischer Seite streng überwacht werden sollte. Boje erinnert sich noch, dass die Schausteller teilweise noch auf dem Anlagenring mit ihren Wagen gestanden hätten, weil sie nicht wussten, ob das Fest nun in der City, an der Ostanlage oder gar nicht stattfinden würde. Das Stadtfest lief schließlich und war ein voller Erfolg. Die Veranstaltung kam so wieder auf die Beine. Die Auflagen wurden eingehalten, das Fest auf drei Tage begrenzt. „Es läuft“, galt 1992 und gilt auch heute noch.

 

Wichtigste Veranstaltung

„Das Stadtfest ist in Gießen die wichtigste Veranstaltung“, ist Claudia Boje überzeugt.  Das Fest bringe alle Menschen zusammen und wirke auch über Gießen hinaus. Es habe mittlerweile eine starke Tradition und für sie selbst es auch selbstverständlich, vor Ort zu sein. „Ein Muss, gerade wenn man Gießener ist.“


Schlagworte: 40. Stadtfest, Erinnerungen, Stadtfest, Stadtfest Gießen
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