Was sich Menschen mit Beeinträchtigungen in Gießen wünschen – Fragen zu Lieblingsorten, Erfahrungen und Wünschen
Im Rahmen des Diversitätsmonats Mai und passend zu unserem Themenjahr „Vielfältiges Gießen“ hat Gießen Marketing gemeinsam mit der Lebenshilfe Gießen Menschen mit Beeinträchtigungen befragt – nach ihren Lieblingsorten, ihren Erfahrungen und ihren Wünschen an die Stadtgesellschaft.
Barrierefreiheit beginnt im Kopf
Barrierefreiheit beginnt immer in den Köpfen der Menschen. So könnte man die zentrale Botschaft zusammenfassen, die Menschen mit Beeinträchtigungen im Gespräch mit der Gießen Marketing formuliert haben. Natürlich zählen rollstuhlgerechte Eingänge, ebenerdige Zugänge und gut erreichbare, saubere Toiletten zu den Grundvoraussetzungen – doch was die Befragten ebenso stark bewegt, ist die Frage nach Haltung: Werde ich gesehen? Bin ich willkommen?
Gießen hat viel zu bieten und das wird auch so erlebt
Die Antworten zeichnen ein lebendiges Bild einer Stadt, in der es echte Lieblingsplätze gibt. Der Stadtpark Wieseckaue taucht gleich unter den Antworten mehrfach auf – als Ort zum Durchatmen, zum Spazierengehen, zum einfach Dasein. Auch der Theaterpark, der Botanische Garten und das Lahnufer werden genannt: Grünflächen, die Raum lassen und niedrigschwellig zugänglich sind.
„Gut an Gießen ist, dass die Stadt übersichtlich ist. Man trifft schnell Bekannte oder Freunde und kann spontan etwas unternehmen“, sagt Lena Barth, 33 Jahre.
Auch kulturelle Einrichtungen wie das Stadttheater, die Stadtbibliothek und das Kinopolis gehören zu den meistgenannten Lieblingsorten. Katharina Volz, 35 Jahre, ist begeistert von der Eröffnung des S-LAB 83 auf dem Seltersweg. „Das macht total Spaß und sollte es öfter geben.“
Besonders herzlich fällt das Lob für einzelne Gastronomiebetriebe aus. Daniel Tabert, 44 Jahre, schätzt die Einkaufsmall „neustädter“. „Ich habe dort gute Erfahrungen mit dem Sicherheitspersonal gemacht, außerdem gibt es barrierefreie Toiletten und ein gutes Essensangebot.“ Philipp Noack, 28 Jahre, fühlt sich im Pitta Gyros Grill in der Neuen Bäue besonders willkommen. „Die Atmosphäre ist schön und die Inhaber sind immer sehr nett.“ Elisabeth Drolsbach genießt gerne ihren Kuchen in der Bäckerei Künkel in der Löwengasse. „Das Personal ist freundlich und es gibt genug Platz.“ Jörg Schlienbecker bevorzugt den Bäcker Schäfer am Marktplatz. „Der Kaffee ist gut.“
Was noch besser geht
Trotz positiver Erfahrungen gibt es aber noch eine Menge zu tun, sind sich die Befragten einig. Ein großes Thema sind öffentliche und gastronomische Toiletten: Sie sollten gut erreichbar, sauber und kostenlos zugänglich sein. Wer hier investiert, schafft unmittelbar mehr Lebensqualität, sind die Befragten überzeugt. Auch bauliche Details wie ebenerdige Eingänge oder großzügige Abstände zwischen Tischen machten einen spürbaren Unterschied – und kämen letztlich allen Gästen zugute.
Gastronomen und Händlern, die ihre Angebote noch zugänglicher gestalten möchten, könnten mit vergleichsweise einfachen Mitteln viel erreichen. Darauf weisen die Interviewpartner hin. Gut lesbare und übersichtliche Speisekarten, gerne mit Bildern, die Möglichkeit zur Online-Reservierung sowie Mitarbeitende, die für die Vielfalt ihrer Gäste – und ihre sichtbaren wie nicht sichtbaren Beeinträchtigungen – sensibilisiert sind. „An neurodivergente Menschen denken und Verständnis aufbringen“, wünscht sich beispielsweise Katharina Volz. (Neurodivergente Menschen sind beispielsweise Menschen mit Autismus, ADHS, Lernstörungen oder Hochsensibilität. Anmerkung der Redaktion)
Ein Bewusstsein, das allen nützt
Der vielleicht wichtigste Wunsch: Sie möchten als Menschen gesehen und wertgeschätzt werden. „Mehr Aufklärung und Sichtbarkeit ist wichtig. Viele Menschen denken, Inklusion betrifft sie nicht – aber Inklusion hilft in Wirklichkeit allen“, bringt es Lena Barth auf den Punkt. Mehr einfache Sprache, mehr Angebote im Freien, bessere Umlandverbindungen zwischen Stadt und Land – das sind Verbesserungen, von denen alle profitieren.
Vielen Dank an Jörg Schlienbecker, Elisabeth Drolsbach, Philipp Noack, Daniel Tabert, Katharina Volz, Lena Barth, Justus Bode und Tobias Reutter für die Beantwortung der Fragen!
Schlagworte: Barrierefreiheit, Gießen, Inklusion, Lebenshilfe, Menschen mit Beeinrächtigung






