Denker & Lenker (Teil 1): Albrecht Beutelspacher (Mathematikum)

Untrennbar mit "seinem" Mathematikum verbunden: Professor Albrecht Beutelspacher.
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Das Mathematikum ist ohne Zweifel einer der wichtigsten touristisches Anziehungspunkte in Gießen. Die Menschen kommen von weither, um das einzigartige Mitmachmuseum zu besuchen. Im nunmehr 14. Jahr des Bestehens ist das Mathematikum aus Gießen nicht mehr wegzudenken. Aber das gäbe es gar nicht, wenn da nicht Professor Albrecht Beutelspacher wäre. Er ist als Gründer und Direktor untrennbar mit der Erfolgsgeschichte des Mitmachmuseums verbunden.

1988 kam Beutelspacher an die Justus-Liebig-Universität Gießen, wo er seitdem die Professur für Diskrete Mathematik und Geometrie inne hat. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist für den 64-Jährigen das Maß aller Dinge: „Ich liebe es, anderen etwas zu zeigen und mitgeben zu können“, erklärt er die Leidenschaft für seinen Beruf.

Während Viele, die einen Beruf mit solcher Passion ausüben wie Beutelspacher, schon in früher Kindheit „Nerds“ auf ihrem Gebiet waren, hat sich bei ihm der Berufswunsch peux-a-peux entwickelt. Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium habe er sich eher mit Sport und Musik beschäftigt. „Wie das oft so ist im Leben – man beschäftigt sich gar nicht unbedingt mit den Dingen, die man besonders gut kann, sondern mit denen, die man so halb gut kann – um besser zu werden“, erzählt der aus Tübingen stammende Professor. „In Sport wollte ich mich unbedingt verbessern“. Er habe lange Leichtathletik betrieben, als Kind und Jugendlicher immer sehr gerne Fußball gespielt. „Aber für Fußball hatte ich kein Talent“. Sein Talent für Mathematik habe er gar nicht so stark wahrgenommen – bis eine Berufsberatung beim Arbeitsamt anstand. Ein Test dort habe gezeigt, dass er sich für Mathe und Sprachen interessiere, die Begabung aber ganz klar bei der Mathematik liege. „Also habe ich mich entschieden, diesen Weg zu versuchen“. Schon damals hatte er eine Vorliebe für das Besondere. „Ich erinnere mich eher an die Mathestunden, in denen der Lehrer über Beweise zur Unendlichkeit gesprochen hat“. Zusammenhänge, die sich optisch nachvollziehen lassen, hätten ihn seit jeher gereizt. Noch heute sind es die kleinen Exponate und Experimente wie die Pyramide aus zwei Teilen oder die Würfelschlange, die ihn begeistern. Ein wirkliches Lieblingsexponat hat er aber nicht, jedes sei „irgendwie ein eigenes und ganz besonderes Baby“. Nach dem Studium von Mathematik, Physik und Philosophie in seiner Heimatstadt Tübingen zog es ihn zunächst an die Universität nach Mainz, wo er 1976 promovierte und bis 1982 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Von 1982 bis 1985 hatte er dort eine Professor auf Zeit inne, bevor ihn ein „Ausflug“ zwei Jahre in die Forschungsabteilung von Siemens führte, wo er im Bereich Kryptographie und Chipkartenverschlüsselung arbeitete. Kryptographie ist eines seiner Spezialgebiete, mehrere seiner unzähligen Publikationen befassen sich mit dem Thema.

„Unglaubliche Begeisterung“

1988 folgte dann Gießen – dass er etwas Einzigartiges erschaffen würde, das weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt werden würde, ahnte er damals wohl noch nicht. Die grundlegende Idee zum Mathematikum entstand während eines neuartigen Seminars. Aufgabenstellung: Jeder Student erstellt ein Objekt oder Modell, das die Mathematik erklärt – „Mathematik zum Anfassen“ eben, so wie man es von Beutelspacher gewohnt ist. Aus diesem Seminar entstand 1993 die Idee, eine Ausstellung zu machen, die dann ab 1995 zur Wanderausstellung wurde. „Die Modelle wurden immer aufwändiger“, erinnert sich der Direktor. Und stolz fügt er hinzu: „Jede Ausstellung hat unglaubliche Begeisterung hervorgerufen“. Und zwar nicht nur bei Mathe-Nerds, sondern bei Otto-Normal-Verbrauchern, die über die anschauliche Darstellungsweise Mathematik plötzlich verstanden und sich dafür begeistern konnten. „So kam die Idee, das Ganze dauerhaft zu etablieren“. Ein Erfolgsmodell, wie wir heute wissen, denn das Mathematikum begeistert Jung und Alt sowie durchweg durch alle Bevölkerungsschichten. „Ich bin glücklich, dass das alles so wunderbar funktioniert und dass ich eine solch tolle Chance bekommen habe“, freut sich der Initiator. Und wie es funktioniert: Das Mathematikum trägt sich wirtschaftlich selbst und kommt ohne Zuschüsse aus. „Es gibt kein weiteres Science-Center, bei dem das so ist“, lächelt Beutelspacher, ein bisschen stolz. Kein Wunder: Er ist einer, der sich und andere für Mathematik begeistern kann und sie auch denjenigen nahe bringen kann, die von sich selbst glauben, eine Matheniete zu sein. Sein Team zieht seit jeher mit – von der Begeisterung des Professors angesteckt.

Ob es Stimmen gegeben hat, die ihn und die Idee des Mathematikums für verrückt gehalten hätten? „Die gab es“, sagt er heute, „aber ich habe sie nie gehört“. Seine Pionierarbeit hat sich gelohnt, erfordert aber viel Engagement – ein Fünftel der Arbeitszeit seiner Professorenstelle darf er für das Mathematikum nutzen, die „restliche“ Zeit, die für das Museum nötig ist, wendet er darüber hinaus auf, ist auch bei zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen präsent. Darüber hinaus hält er selbst rund 100 Vorträge im Jahr. Viel Zeit für Hobbys bleibt da nicht. Dennoch ist Beutelspacher ein großer Fan klassischer Musik, begeistert sich für die Romantik und Komponisten wie Mendelssohn oder Schubert. Doch auch das Orgelspiel, dass er schon frühzeitig erlernt hat, hat er nicht aufgegeben: Wenn ihm Zeit bleibt, begleitet er besondere Gottesdienste in der Gemeinde in seinem Heimatort Großen-Buseck. „Das Klavier zu Hause ist auch aufgebaut“, lächelt er. Früher leitete er auch einen Chor, lernte dort seine Frau kennen. Er fährt auch gerne in den Urlaub, jedes Jahr zwei Wochen, meistens innerhalb Deutschlands. „Mir gefällt vor allem die Landschaft im Osten“. Weiter weg müsse er nicht, das sei ihm über den Beruf häufig genug vergönnt gewesen. Doch eine weitere Reise steht ihm vielleicht bald bevor: Seine Tochter lebt seit einem Jahr in Australien.

Weitere Informationen zum Mathematikum finden Sie hier.


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