Denker & Lenker (Teil 2): Professor Dr. Volker Wissemann

Im Evolutionshaus fühlt sich Professor Dr. Volker Wissemann, Leiter des Botanischen Gartens, am wohlsten.
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Pünktlich zum bevorstehenden Frühlingsbeginn öffnet am Freitag, 18. März, der Botanische Garten Gießen nach der Winterpause seine Pforten für die Besucher. Grund genug für uns, den „Denker & Lenker“ hinter dem 1609 gegründeten Garten näher vorzustellen: Professor Dr. Volker Wissemann, Leiter der Arbeitsgruppe Spezielle Botanik an der Justus-Liebig-Universität und wissenschaftlicher Leiter des Botanischen Gartens.

Treffpunkt Gewächshaus, genauer: Evolutionshaus. Hier, zwischen den Farnen und den farnartigen Gewächsen, fühlt sich Volker Wissemann wohl. Die Evolution der Pflanzen interessiert den 49-Jährigen ganz besonders. Schließlich ist die spezielle Botanik, die Lehre der Arten (Spezies) und ihrer Entwicklung, sein Fachgebiet. „Früher hat man von klassischer Botanik gesprochen“, erklärt er, „der Begriff wurde dann geändert“. Seit 2007 hat er die Professur in Gießen inne, über diese ist ihm die Leitung des Garten zugeordnet. Darüber hinaus ist Volker Wissemann Leiter der Hermann-Hoffmann-Akademie für junge Forscher; er nahm kürzlich das Pottwal-Skelett aus Helgoland entgegen, das in Gießen präpariert wird.

Volker Wissemann wuchs in Wuppertal auf. Das Interesse für das Thema Garten gehörte für ihn schon als Kind zum Alltag: Seine Großeltern hatten einen großen Garten, schon als Junge half er dort mit. So lag es nahe, dass er später eine Lehre als Zierpflanzengärtner und einen Zivildienst im Garten- und Forstamt Wuppertal absolvierte. Doch dabei wollte Wissemann es nicht belassen; es zog ihn zwecks Studium an die Universität. Über die Zentrale Studienvergabe erhielt er einen Studienplatz an der Georgia-Augusta-Universität Göttingen, wo er Biologie, Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt auf Phytopathologie (Lehre der Pflanzenkrankheiten) und Wissenschaftsgeschichte studierte. Geht man seinen Werdegang durch, fällt auf, dass der Name Wissemanns eng mit dem Thema Wild- und Hundsrosen verbunden ist, über das er auch seine Dissertation schrieb. „Zu dem Thema kam ich eher zufällig“, berichtet er und erinnert sich schmunzelnd: „Als Kind konnte ich mit den Rosen in Omas Garten nichts anfangen“. Mit der Universität Göttingen ist Wissemann auch heute noch eng verbunden, denn er gehört dem dortigen Beirat für wissenschaftliche Sammlungen („Wissenschaftlicher Beirat der Zentralen Kustodie“) an.

Häufig mit Sammlungen zu tun gehabt

Bereits zu seiner Studienzeit engagierte er sich ehrenamtlich in der Aufarbeitung der pharmakognostischen-warenkundlichen Sammlung der Universität Göttingen. „Ich habe in meiner Laufbahn sehr häufig mit Sammlungen zu tun gehabt“, sagt Wissemann, der auch das Gießener Herbarium leitet. Weitere Station seiner Laufbahn war die Friedrich-Schiller-Universität Jena, wo er als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Spezielle Botanik aktiv war und über die Hybridisierung als Evolutionsfaktor bei Pflanzen habilitierte. 2007 bewarb er sich auf die ausgeschriebene Professur in Gießen – und wechselte nach Gießen. Dort leitet er nicht nur die genannten Institutionen, sondern ist als Dekan des Fachbereichs 08 (Biologie und Chemie) der Universität auch Prüfungsverantwortlicher für rund 1400 Prüfungen im Jahr, denn auch etwa angehende Veterinäre oder Ökotrophologen müssen botanische Seminare belegen. „Ein Tierarzt muss ja zu Beispiel Wissen über Giftpflanzen haben“, sagt Wissemann.

„Für mich war immer klar, dass ich entweder Biologe oder Geigenbauer werden will“

Der 49-Jährige ist außerdem neben Mitgliedschaften in verschiedenen Institutionen Generalsekretär der Deutschen Botanischen Gesellschaft sowie seit 2014 Vorsitzender der Gießener Hochschulgesellschaft. Wie sieht es denn in seinem Terminkalender aus? „Ziemlich voll“, sagt er, „viele Tagungen liegen auch an den Wochenenden“. Für private Termine bleibe da kaum Zeit. Dennoch gönnt er sich ein Hobby: Er spielt Geige und Bratsche, ist privat in einem Streichquartett aktiv. Geigen sind neben den Pflanzen seine Leidenschaft: Sein Studium finanzierte Volker Wissemann mit dem Restaurieren von Geigen, die Fertigkeiten dafür eignete er sich autodidaktisch an. „Für mich war immer klar, dass ich entweder Biologe oder Geigenbauer werde“. Musik habe lange sein Leben bestimmt, neben Geige und Bratsche spielte der Botaniker noch viele Jahre Oboe. „Als Hobby ist das ein wunderbarer Ausgleich“. Wann immer er die Zeit findet, besucht er auch die Konzerte des Gießener Universitätsorchesters. Natürlich hat er auch zu Hause einen eigenen kleinen Garten und viele Pflanzen. „Neben Pflanzen habe ich in meinem Haus ganz viele Bücher“. Und zwar nicht nur Fachliteratur. „Ich lese jeden Abend“. Ganz besonders schätzt Wissemann die Werke von Thomas Mann. „Ich finde seinen Blick auf die damalige Gesellschaft faszinierend“, schwärmt er – einmal im Jahr „Die Buddenbrooks“, das müsse schon sein.

Ach ja, der Garten. Den Botanischen Garten Gießen schätzt Volker Wissemann so sehr, dass er einen Ruf an die Universität Göttingen ablehnte. „Wir haben hier tolle Möglichkeiten für Freiluftvorlesungen“, sagt er über den Garten, in dem rund 75.000 Pflanzen aus der ganzen Welt zu sehen sind. Ob er einen Lieblingsplatz hat, neben dem Evolutionshaus? Ganz klar den Darwin-Pfad, der anschaulich Fragen zur Evolution beantwortet. Dieses Jahr steht noch Großes bevor, denn nach Ende der Saison ziehen die Pflanzen aus den Gewächshäusern vorübergehend um, da diese neu gebaut werden müssen. Und, nicht zu vergessen: Professor Wissemann feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag.


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